Aktion Gemüsetransport: Mit dem Lastenfahrrad durch Eberswalde

Gemüsetransport 12. Januar 2018 (c) Christoff GäblerFoto: Christoff Gäbler

Ein grauer Januarfreitag war es, an dem wir uns verabredet hatten, das Gemüse für den bevorstehenden „Machbarschaftstag“ zum Vorschnippeln in die Hebewerk-Räume im Brandenburgischen Viertel zu bringen. Wir hätten es bequemer haben können: Auto organisieren, Kofferraum vollpacken und zack, in zehn Minuten hätten wir da sein können. Hätte hätte Fahrradkette… wir hatten es uns anders überlegt. Schließlich lautete eines der Hauptthemen des „Machbarschaftstags“: klimafreundliche Mobilität. Was spräche also dagegen, für den Gemüsetransport das Fahrrad zu nehmen?
Nun ja. Die Gemüsespenden vom Regionalladen „Krumme Gurke“, dem Demeter-Hof „Gemeinsam Gut Leben“ in Luisenfelde und „Globus Naturkost“ waren – zu unserer großen Freude und Dankbarkeit – äußerst großzügig ausgefallen, und die Kisten mit Kohlköpfen, Roten Beten und kiloweise Kartoffeln hätten wohl nicht in herkömmliche Fahrradtaschen gepasst. Zum Glück hatten wir uns im Voraus eine passende Lösung überlegt. Denn auch wenn es bisher kaum aufgefallen ist:
Eberswalde ist eine Lastenrad-Stadt.

Lastenräder, allgemein Transporträder genannt, sind für viele noch etwas Exotisches. Dabei gibt es nicht nur ausgefallene Modelle wie das großräumige „Christiania-Rad“, einst entwickelt für den autofreien Verkehr in der Kopenhagener Freistadt, oder die „Food-Bikes zum mobilen Verkauf von Speisen und Getränken, die seit einigen Jahren vermehrt in touristischen Großstädten auftauchen. Auch das gute alte Postfahrrad (welches inzwischen vielerorts gegen ein Postauto eingetauscht wird) ist ein Lastenrad – und ein wunderbares Beispiel dafür, wie altbewährt die Idee ist, kleinere und größere Transporte mit dem Rad zu erledigen.

Noch bis vor einigen Jahrzehnten gab es für den Transport per Fahrrad ganz einfache Gründe. Nicht alle Menschen und Betriebe verfügten über ein Auto, denn Anschaffung, Kraftstoff und Haltungskosten waren teuer. Die Infrastruktur – der Dienstleistungssektor und das Netz an Straßen und Lieferwegen – war schlichtweg noch nicht so stark entwickelt. Und vor allem: Niemand stand unter einem vergleichbaren Zeitdruck, wie er heute unseren Alltag prägt. Mittlerweile ist das Auto für viele Haushalte und Unternehmen eine Selbstverständlichkeit geworden (und das nicht mehr nur in der „westlichen“ Welt) und stellt Fahrradfahren für viele eine fitness- fördernde Freizeitbeschäftigung dar (die bei schlechtem Wetter auch mal kurzerhand nach drinnen auf den Hometrainer verlegt werden kann).

Lastenrad im Büro (c) Christoff Gäbler
Foto: Christoff Gäbler

Erst seit einer Weile lässt sich der Trend beobachten, dass Menschen im Alltag wieder vermehrt auf das Fahrrad steigen. Eklatante Argumente liegen auf der Hand:

  • Autoabgase sind für Umwelt, globales Klima – und nicht zuletzt für uns Menschen – alles andere als schmeichelhaft.
  • Eine am PC arbeitende Gesellschaft ohne regelmäßige Bewegung braucht potenziell immer mehr Ausgleich, um gesundheitliche Folgeschäden zu begrenzen.
  • Stundenlanges Im-Stau-Stehen, Parkplatz-Suchen und die regelmäßigen Ausgaben für Benzin machen eigentlich auch nicht so viel Spaß.

Die Mobilität und Flexibilität, die das Auto unserem Alltag verschafft, ermöglicht uns ohne Frage eine bequeme und unabhängige Lebensweise, für die wir uns glücklich schätzen können. Aber die entscheidende Frage lautet doch:

Wie oft brauchen wir das Auto wirklich? Und in wie vielen Alltagssituationen könnten wir eigentlich stattdessen das Fahrrad benutzen?

Lastenradaktion (c) Christoff Gäbler
Foto: Christoff Gäbler

Diese Fragen stellen sich glücklicherweise immer mehr Menschen. Auch in Eberswalde sind zuletzt aus verschiedener Richtung wertvolle Impulse gegeben worden. 2013 etwa hat die Stadt Eberswalde im Dialog mit Interessierten aus Eberswalde ein Radnutzungskonzept erstellt, das der Frage nachgeht, wie der alltägliche Radverkehr in der Stadt erleichtert werden kann und welche Voraussetzungen die Stadt dafür schaffen muss. Die städtische Transition-Initiative wandelBar und der Verein Hebewerk haben Lastenräder gebaut, die seither für den Eberswalder Raum ausgeliehen werden können – unter anderem im Regionalladen „Krumme Gurke“ oder über Hebewerk selbst. 2017 fanden „Critical Masses“ und Fahrrad-Demonstrationen statt, zu denen sich Eberswalder Fahrradfahrende versammelt hatten, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen: Die Straße ist nicht nur für Autos da. Und mittendrin, in der bunten Masse aus Radelnden, konnte man sie immer wieder aufblitzen sehen: die Lastenräder.

Lastenrad Gemüse Start (c) CHristoff Gäbler
Foto: Christoff Gäbler

Auch für unseren Gemüsetransport hatten wir uns also Lastenräder besorgt. Neben dem „Long John“ von der „Krummen Gurke“ und den XYZ-Cargo-Rädern von wandelBar und Hebewerk durften wir auch ein Lastenrad aus Privatbesitz nutzen. Voll beladen mit Gemüse und einer mobilen Musikbox starteten wir am Eberswalder Marktplatz und nahmen gut gelaunt unseren Weg durch den Nachmittagsverkehr auf – in Begleitung weiterer Radfahrender, die spontan dazugekommen waren. Und wir fielen auf!

Menschen auf den Gehwegen blieben stehen und sahen uns neugierig hinterher, Kinder kicherten und zeigten mit dem Finger auf uns, einige Autofahrende winkten und fuhren freundlich lächelnd an uns vorbei. Hier und da gab es aufgeregtes Hupen, wenn die Ampel auf grün schaltete und wir als Kolonne einen Moment brauchten, uns wieder in Bewegung zu setzen. Ein passender Moment für eine Grundsatzfrage:
Warum nehmen Autos gegenüber Fahrrädern im Straßenverkehr oftmals eine Machtposition ein? Wegen des schützenden Metallpanzers? Weil sie schneller und lauter sind? Oder einfach nur wegen ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit?

Wir ließen uns nicht aus der Ruhe bringen und strampelten in gleichmäßigem Tempo die Radwege entlang – die Eisenbahnstraße hinauf, auf dem breiten Radstreifen in der Heegermühler Straße, vorbei am Kranbau und schließlich am Familiengarten nach links ins Brandenburgische Viertel hinein. Wenn auch nicht alle so begeistert auf uns reagierten, so kamen wir und das Gemüse schließlich wohlbehalten in der Havellandstraße an. Und fragten uns ein wenig, warum diese praktischen und sympathischen Lastenräder im Alltag eigentlich nicht öfter genutzt werden.

Schließlich spricht vieles für die Nutzung von Lastenrädern:

  • Sie brauchen keinen teuren Treibstoff.
    Selbst der Stromverbrauch von E-Rädern ist relativ gering.
  • Sie verfügen über stabile Transportflächen, die sich bei schlechtem Wetter gut abdecken lassen und mit denen man auch schwere Lasten transportieren kann – das können auch mal bis zu 75 kg sein.
  • Mit ihnen lassen sich Staus leicht umfahren.
  • Mit einem Lastenrad spart man sich die lästige Parkplatzsuche.
  • Sie sind umweltfreundlich.
  • Lastenradfahren schafft im Gegensatz zu Autofahren körperliche Bewegung.
  • Und: witzig sehen Lastenräder auch aus.

Lastenradtransport Schweizer Straße (c) Christoff Gäbler
Foto: Christoff Gäbler

Sich ein Lastenrad anzuschaffen oder es selbst zu bauen ist ohne Frage nicht ganz günstig. Auch braucht es das entsprechende Know-How. Aber es kann sich lohnen – im Vergleich zur Anschaffung eines neuen Autos sowieso. Vielleicht braucht es noch etwas Zeit, bis Fahrräder – und Lastenräder im Besonderen – fest im Straßenverkehrsbild verankert sein werden und ihre Position nicht mehr verteidigen müssen.
Das Schöne ist: Alle können einen eigenen Teil dazu beitragen. Fahrt Fahrrad und setzt ein Zeichen!

Auf den folgenden Seiten finden sich wertvolle Hinweise und Eindrücke zum Thema:

Die AG Rad, gegründet 2017, setzt sich für die Interessen der Eberswalder Radfahrenden ein.
www.agradeberswalde.wordpress.com

Das Radnutzungskonzept der Stadt Eberswalde sowie die städtische Sicht auf Radmobilität sind online einsehbar unter:
https://eberswalde.de/Radnutzungskonz.3211.0.html und
https://eberswalde.de/uploads/media/Broschuere_Fahr_Rad_auf_neuen_Wegen.pdf

Infos zum Lastenradverleih in Eberswalde:
www.lastenrad-eberswalde.de

Infos zum Thema Lastenräder auf der Seite des VCD (Verkehrsclub Deutschland):
https://lastenrad.vcd.org/startseite/

XYZ Cargo Bikes (bieten Workshops zum Selbstbau von Lastenrädern an):
http://www.xyzcargo.com/de/

Parole: Fahrradfahren fetzt!

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2 Gedanken zu „Aktion Gemüsetransport: Mit dem Lastenfahrrad durch Eberswalde“

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